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1950 Harley-Davidson Panhead EL

„The Pan“
1950 Harley-Davidson Panhead EL

by Michael Schmidbauer
1950 Harley Davidson Panhead

Vor ungefähr zehn Jahren lernte ich zwei Jungs aus der Augsburger Gegend kennen, Toby und Dietrich. Zum damaligen Zeitpunkt standen bei uns allen Hot Rods und Kustoms groß auf der Fahne und wir pilgerten jedes Jahr zur Bottrop Kustom Kulture, wo man sich mit Gleichgesinnten austauschen konnte. Von Motorrädern war damals auch auf den großen Veranstaltungen wenig zu sehen, sie kamen erst ein paar Jahre später hinzu. So entwickelte auch Toby über die US-Car-Szene mit einem 1963 Chevy Pick-up seine Leidenschaft zum Schrauben, das war im Jahr 2005.

Nur kurze Zeit später folgte der erste Hot Rod, ein radikal gechannelter Roadster, den er aus den USA importierte. Daran schlossen sich unzählige andere Fahrzeuge auf vier Rädern an – im Moment ist es ein 1959 Ford Galaxie 500, den Toby für den TÜV vorbereitet. Doch mit dem Schrauben an den Autos kam auch immer mehr das Interesse an Motorrädern auf, besonders die alten Harley-Davidsons hatten es ihm angetan.

Auf der Suche nach einem Projekt

1950 Harley Davidson EL, Panhead, Cro Custom Lenker

Der Lenker stammt von Cro Custom aus den USA.

Toby begann sich mit Fachliteratur einzudecken und machte sich so mit den unterschiedlichen Modellen, Rahmen und Motoren aus den 30er- bis 60er-Jahren vertraut. Die unzähligen Details veranlassten ihn dazu, stundenlang in seinen Büchern zu lesen. Er erfuhr dabei, was wann, wo und wie verbaut wurde. Nebenbei hielt Toby bereits die Augen offen, um ein mögliches Projekt zu finden.

Gesucht und gefunden: 1950 Harley-Davidson Panhead

2011 war es schließlich soweit: Im Internet fand Toby eine Anzeige einer 1950 Harley-Davidson Panhead. Die Bilder waren schlecht, aber die technischen Daten klangen genau nach dem, was er gesucht hatte. So griff er sofort zum Telefon und schon nach einem kurzen Gespräch war ein Besichtigungstermin ausgemacht. Toby fuhr noch am selben Tag los, um das Objekt seiner Begierde zu begutachten.

Angekommen, war schnell klar, dass es mit einer Probefahrt eher schlecht aussehen würde. Denn die Harley stand seit einigen Jahren in einer dunklen Tiefgarage. Es waren nicht nur die Reifen komplett platt, auch der Tank war durchgerostet und der Motor schien defekt zu sein. Trotzdem war die Ausgangsbasis nicht schlecht, denn Rahmen, Motor, Getriebe und Tank waren original und unverbastelt. Der Wehrmutstropfen lag im Budget, denn die Kosten, bis die alte Panhead wieder auf der Straße rollen würde, waren somit im Vorfeld natürlich noch schwerer abzuschätzen. Aber auch das hielt Toby nicht davon ab, das Bike mitzunehmen.

An die Arbeit, ein Kustom Bike entsteht

1950 Harley Davidson EL, Panhead, Flying Bomb, Vergasercover, Linkert M61 Vergaser

Das Flying Bomb Vergasercover stammt von Handcraft Choppers. Dahinter verbirgt sich ein Linkert M61 Vergaser.

Kaum in der heimischen Werkstatt angenommen, ging es auch schon ans Eingemachte: Die Harley-Davidson wurde Stück für Stück in ihre Einzelteile zerlegt. Toby legte von Anfang an sehr großen Wert darauf, originale, alte Teile zu verbauen und die Spuren, die der Zahn der Zeit in den vergangenen Jahrzehnten an der Panhead hinterlassen hatte, zu erhalten und zu konservieren. So blieb der originale Wishbone-Rahmen blank und ohne jeglichen Lack, damit man jeden Kratzer und jede Delle gut sehen kann. Als Korrosionsschutz dient lediglich eine spezielle Wachsversiegelung. Der originale 3,5-Gallonen-Tank wurde chemisch entlackt, um das Rostleck verschweißen zu können.

Nachdem der Lack entfernt war, tat sich ein Fenster mit Blick auf die Geschichte der Harley-Davidson auf. Denn es wurden diverse Tankreparaturen sichtbar, die in den letzten Jahrzehnten mit Zinn und Hartlot verrichtet wurden. Toby konnte der Geschichte nun mit seinem Schweißgerät ein neues Kapitel hinzufügen. Um dem Tank das i-Tüpfelchen aufzusetzen, verbaute er die originalen Harley-Davidson-Embleme auf den Kopf gestellt. Ein kleines, aber feines und durchdachtes Statement. Toby ist keineswegs anti-Harley eingestellt, aber definitiv anti-Factory. „Fuck the Factory“, lautet sein Motto. Zudem kann er mit den aktuellen Motorrädern des Traditionsherstellers und dem Lifestyle, der um die Marke herum propagiert wird, nicht mehr viel anfangen. Seiner Ansicht nach wird der Mythos der vergangenen Tage von der aktuellen Firmenleitung und ihren Produkten nicht mehr wirklich verkörpert.

Der 61cui Harley-Davidson EL Panhead Motor

Weiter ging es mit dem originalen 1950 Harley-Davidson Panhead EL-Motor. EL steht dabei für 61cui (1000ccm) High Compression. Dieser Motor wurde nur von 1948 bis 1952 gebaut und ist dementsprechend selten anzutreffen. Der Motor und das Getriebe wurden zum Teil neu überholt und neu abgedichtet. Toby baute den Primärantrieb auf Sekundärkette um, damit die Schmierung durch die Motorentlüftung wegfällt und er ohne Primärkasten fahren kann. So wurde am Kupplungskorb ein Sekundärkettenritzel verschraubt, am Motor wurde ein abgeändertes Getrieberitzel verbaut. Für die nötige Spritversorgung sorgt ein originaler Linkert-M61-Vergaser, das Cover in Form einer fliegenden Bombe stammt aus der Schmiede von Handcraft Choppers. Gezündet wird über einen Morris Magneto mit Goodson-Magneto-Cover. Das Vierganggetriebe von 1953 wird über einen von Eric (Handcraft Choppers) aus deutscher Eiche gedrechselten Shifter geschalten. Der Auspuff ist ein Eigenbau aus Tobys Garage.

Anpassung der RL-Springergabel von 1934

1950 Harley Davidson EL, Panhead, 1934 RL-Springergabel

An der Front verbaute Toby eine originale RL-Springergabel von 1934.

Am Frontend war Geduld gefragt und es gab einiges zu tun. Schließlich wollte Toby eine sehr seltene RL-Springergabel von 1934 verbauen. Über ein Jahr musste er nach einem ebensolchen Exemplar suchen. Die Gabel war noch schwarz lackiert, aber schon während der oberflächigen Reinigung mit Nitro stellte sich heraus, dass sich der Lack leicht lösen lässt und darunter vier bis fünf ältere Lackschichten zum Vorschein kamen – eine Patina, die es zu erhalten galt und perfekt zum Gesamtcharakter des Bikes passte.

Um die Gabel mit dem originalen Wishbone-Rahmen zu verbauen, bedurfte es einiges an Denkleistung. Schließlich sollte die Springer möglichst im Original erhalten bleiben. So kam es, dass Toby den 7/8-Zoll-Lenkschaft nicht gegen ein 1-Zoll-Pendant ersetzen wollte. Er ging den aufwendigeren Weg, kürzte die Lagereinstellmutter und drehte sie auf einen Außendurchmesser von 1 Zoll ab. Dann wurde eine weiter Distanzhülse angefertigt, die das untere Stück des Lenkschafts stabilisieren sollte. Dank dieser Konstruktion mussten keine großen Änderungen an der Gabel vorgenommen werden.

1950 Harley Davidson EL, Panhead, Unity Fog Light, Scheinwerfer

Ein umgebautes Unity Fog Light dient als Scheinwerfer für die Panhead.

Maßanfertigung von Cro Custom: Der Lenker

Der Lenker für die Harley-Davidson war ebenfalls ein besonderes Anliegen von Toby, ein Anliegen, das schlussendlich zu einer neuen Lenkerserie führte. Bei seiner Suche nach einem passenden Lenker stieß er auf die Arbeiten von Cro Custom. Toby kontaktierte Caleb Owns und fragte ihn kurzerhand, ob er ihm einen Lenker nach seinen Vorstellungen fertigen könne. Die knappe und klare Antwort folgte prompt: Ja! So tauschten sich die beiden aus und keine drei Monate später kam der Lenker auch schon bei ihm an, die Initialen von Cro Custom und die Seriennummer 001 eingeschlagen. Mittlerweile gibt es diesen Lenker regulär im Onlineshop zu kaufen. Visionen und Ideen zu haben, lohnt sich in jeder Hinsicht, denn offensichtlich kann jeder Einzelne damit Einfluss auf die gesamte Szene haben.

Die Details und weitere Pläne

Zu den unzähligen weiteren Details zählt auch das Unity Fog Light, das umgebaut als Scheinwerfer dient. Die Firma selbst gibt es schon seit 1918, sie stellte unter anderem für Ford in den 1930er- und 1940er-Jahren Nebelscheinwerfer und später auch Suchscheinwerfer her. Um die Gesamtoptik stimmig zu gestalten, tauschte Toby alle verchromten Teile aus oder entchromte sie. Sämtliche Schrauben und Anbauteile wurden sandgestrahlt und parkerisiert, um sie visuell altern zu lassen.

1950 Harley Davidson EL, Panhead

Toby und seine 1950er Harley Davidson EL mit Panhead Motor.

Insgesamt dauerte der Umbau ca. eineinhalb Jahre, doch ganz fertig wird die Harley-Davidson wahrscheinlich nie. Denn Toby hat ständig neue Ideen im Kopf, um das Bike weiter zu verfeinern. In der Zwischenzeit nutzt er aber jede Gelegenheit, um das zu tun, für was sie gebaut wurde: um sie zu fahren. Dabei scheut er keine langen Strecken und fährt auch mal wie dieses Jahr mit seinem langjährigen Freund Dietrich und dessen 1946er-Knucklehead quer durch Spanien. Im September soll es dann nach Caorle zum Roll’n’Flat Beach Race gehen.

Was kommt als Nächstes?

Wir werden sicherlich schon bald mehr von Toby hören, denn in der Zwischenzeit ist sein zweites Projekt nahezu vollendet: eine Shovelhead im Starrahmen von 1956. Das Konzept ist dieses Mal jedoch komplett konträr zu seiner Panhead, denn nun gibt es eine Sissybar, Fishtails, viel Chrom und Blingbling. Wir konnten schon einen ersten Blick darauf werfen und versprechen euch: Es wird gut!

Ein besonderer Dank geht noch an Eric von Handcraft Choppers.

Fotos & Text: Michael Schmidbauer

Technische Daten: 1950 Harley-Davidson Panhead „The Pan“

Baujahr 1950
Marke Harley-Davidson
Rahmen Original 1950 Wishbone
Motor Original Panhead 1950 EL, 61cui High Compression
Vergaser Original Linkert M61 (USA)
Vergaser-Cover Flying Bomb (Handcraft Choppers)
Zündung Morris Magneto mit Goodson-Magneto-Cover
Getriebe Original 1953 Viergang
Auspuff Eigenbau
Gabel Original RL-Springergabel 1934
Lenker Cro Customs USA
Tank Original 1950, 3,5 Galonen
Scheinwerfer Unity Fog Light
Rücklicht 1960 Miller Bicycle aus England
Bremsen vorne und hinten Trommel mechanisch
Reifen vorne 21 Zoll Avon Speedmaster
Reifen hinten 18 Zoll Coker Diamond
Fender Gekürzter Fender von Easy Rider (Japan)
Sitz Solositz aus Australien, gefärbtes Känguruleder

Galerie: 1950 Harley-Davidson Panhead „The Pan“

Ölfiltergehäuse Harley-Davidson EL.
Auch die Schrauben am Ölfiltergehäuse wählte Toby mit Bedacht.
Eigenbau-Auspuffanlage einer 1950 Harley-Davidson Panhead.
Die Auspuffanlage der Harley-Davidson ist ein Eigenbau von Toby. Der Hinterreifen ist ein 18" Coker Diamond.
Toby und seine 1950 Harley Davidson Panhead EL
Toby und seine 1950er Harley Davidson EL mit Panhead Motor.
1950 Harley Davidson EL Panhead mit Easy Rider Fender
Die 1950 Harley-Davidson Panhead hat ein schlankes Heck dank gekürztem Heckfender von Easy Rider aus Japan.
1950 Harley Davidson Panhead EL mit mechanischer Trommelbremse am Vorderrad.
Mechanische Trommelbremsen bringen die Panhead zuverlässig zum stehen.
1950 Harley Davidson EL, Panhead, Unity Fog Light, Scheinwerfer
Zum Scheinwerfer umfunktioniertes Unity Fog Light.
Das Rücklicht ist von einem 1960er Miller Bicycle aus England.
Das Rücklicht ist von einem 1960er Miller Bicycle aus England.
Harley-Davidson Sitz aus Känguruleder
Der Solo-Sitz stammt aus Australien und ist mit gefärbtem Känguruleder bezogen.
1950 Harley Davidson EL, Panhead, Anbauteile
Sämtliche Anbauteile der Harley-Davidson passen perfekt ins Gesamtkonzept.
Ersatzzündkerzenhalterung an einer Harley-Davidson EL von 1950.
Coole Idee: Die Halterung für die Ersatzzündkerzen ist Selbstgebaut.
1950 Harley Davidson EL mit Avon Speedmaster Bereifung in 21 Zoll.
An der Front rollt die Harley-Davidson auf einem 21" Avon Speedmaster.
1950 Harley Davidson EL, Panhead, Kustom Bike von Tobias Ankner.
Die 1950er Harley-Davidson Panhead von Tobias Ankner.
Marshall Druckanzeige aus Anaheim, Kalifornien.
Druckanzeige von Marshall aus Anaheim, Kalifornien.
1950 Harley Davidson EL, Panhead mit originalem Tank.
Der originale 1950er Harley-Davidson Tank fasst 3,5 Galonen.
Zündkerzenstecker am 1950 Panhead Motor.
Zündkerzenstecker am Panhead Motor.
1950 Harley Davidson EL, Panhead. Das Logo am Tank wurde verkehrt herum montiert.
Das Harley-Davidson Logo hat Toby verkehrt herum montiert: Fuck The Factory - Customize!
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